Flow &Usability Implikationen

Trotz sorgfältigster Einhaltung der beschriebenen Grundsätze und Kriterien, gibt es immer noch zahlreiche Dinge, auf die der Designer einer Website keinen Einfluss hat. Doch auch der User kann durch Anpassung seiner Persönlichkeit und seiner Umgebung dafür sorgen, dass der Flow-Zustand leichter erreicht und weniger gestört wird.

Implikationen für den User

Schon die beschriebenen Störungen machen klar, dass es viele Faktoren gibt, die der Webdesigner nicht beeinflussen kann, egal wie Flow-unterstützend seine Site erstellt wurde. So kann auch der User dazu beitragen, seine Umgebung und seine Persönlichkeit in gewissen Grenzen in der Hinsicht zu ändern, dass Flow leichter möglich ist.

Anpassung der Umgebung

Der Nutzer kann schon vor dem Surfen im Internet dafür sorgen, seine Umgebung so zu manipulieren, dass auch diese besonders Flow-unterstützend wirkt.

Dies geschieht vor allem durch das Ausschalten von Störungen bzw. deren Quellen in der Umgebung .

Ein Raum, in den keine Außengeräusche dringen, ist genauso wichtig, wie das Eliminieren von anderen Störquellen wie z. B. Fernseher, Radio etc., so dass die Aufmerksamkeit jederzeit auf die besuchte Website gerichtet werden kann.

Weiterhin sollte ein moderner Computer vorhanden sein, der die empfangenen Daten schnell verarbeitet, ebenso sollte ein schnelles Modem zur Grundausstattung gehören. Obwohl mittlerweile DSL-Leitungen mit Daten von mindestens 1000 kbit pro Sekunde für das Surfen im Internet Standart sind, gibt es immer noch User, die per analogem Modem ins Internet gehen. Hier sind die Übertragungsgeschwindigkeiten für Internet-Seiten deutlich geringer und somit die Dauer entsprechend größer, bis diese geladen sind. Eine schnelle Rückmeldung kann somit selbst bei kleinen Internetpräsenzen nicht gewährleistet werden und wirkt Flow-hinderlich.

Der Benutzer sollte mit der Bedienung des Computers vertraut sein, so dass Vorgänge wie das Bedienen der Maus etc. automatisiert ablaufen können und die Aufmerksamkeit nicht darauf gerichtet werden muss.

Natürlich kann es niemals die komplett Flow-unterstützende Umgebung geben, da die real vorhandenen Gegebenheiten nur bis zu einem bestimmten Maß angepasst werden können .

So ist nicht jeder Raum wirklich schalldicht, Außengeräusche wie Sirenen oder hupende Autos usw. können eindringen und die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Auch wird kaum eine Person wegen einer besseren Flow-Erfahrung sein Telefon oder die Türklingel ausschalten, um ablenkende Anrufe oder Besucher zu unterbinden.

Umgebung Arbeitsplatz

Erschwert werden diese Bedingungen zusätzlich, sollte sich der User nicht zu Hause, sondern z. B. an seinem Arbeitsplatz befinden. Aus der Flow-Theorie lassen sich Veränderungen der äußeren Bedingungen am Arbeitsplatz für ein positives Erleben ableiten. Es sollte den Arbeitnehmern die Möglichkeit gegeben werden, angemessene Herausforderungen zu bewältigen. Die Arbeitenden sollten Gelegenheit haben, dort ihr Wissen und Können bzw. ihre Erfahrung zu erweitern. Dazu ist es erforderlich, die einzelnen Stärken und Schwächen jedes einzelnen Arbeitnehmers zu kennen und ihn aufgrund dessen gezielt einzusetzen. Mitarbeiter sollten an ihrem Arbeitsplatz weder Langeweile durch Unterforderung bzw. Angst durch Überforderung empfinden. Deshalb sind im Arbeitsbereich Freiräume und Wahlmöglichkeiten wichtig, damit Arbeitnehmer ein Gefühl der Kontrolle und Eigenverantwortung entwickeln können.

Unter die Unterstützung des Arbeitnehmers fällt selbstverständlich auch die Anpassung des Arbeitsplatzes an ihre vorhanden Fähigkeiten und körperlichen Eigenschaften: ein Stuhl und Schreibtisch, die an die Körpergröße des Arbeitenden angepasst sind und ergonomische, der menschlichen Physis angepasste Stühle bei Bürokräften, sollten Usus sein, da Beeinträchtigungen des körperlichen Wohlseins wie z. B. Rückenschmerzen eine sehr starke Störung darstellen. Dieses sind nur einige Beispiele, um ein günstiges Arbeitsklima und einen Arbeitsplatz zu entwickeln, die Flow-förderlich sind.

Anpassung der Persönlichkeit

Wie in den Flow-Merkmalen erwähnt, gibt es Menschen, die einfacher als andere in den Flow-Zustand geraten, sogenannte autotelische Persönlichkeiten .

Die Eigenschaften, die solch eine Persönlichkeit ausmachen, sind jedoch nicht genetisch vorbestimmt, sondern können anerzogen bzw. gelernt werden. Wenn man sich diese Eigenschaften, z. B. das Verwandeln von schwierigen Situationen in bewältigbare Herausforderungen durch Umbewertung, zu eigen macht, wird man nicht so schnell durch Störungen abgelenkt und kommt generell schneller und einfacher in den Flow. Nach Stand der Forschung führt vor allem eine autoritative Erziehung zur Ausbildung einer autotelischen Persönlichkeit. Ein autoritativer Erziehungsstil zeichnet sich durch ein ausgewogenes Verhältnis zwischen gegebenen Freiheiten und Restriktionen aus und fördert somit die intrinsische Motivation.

Im Kontext eines autoritativen Erziehungsstils eignen sich die neuen Medien und das Internet im Speziellen zur Erweiterung von Wissen und Fertigkeiten, da nicht nur die Bedienung eines Computers und des World Wide Webs als Voraussetzung und Qualifikation für spätere Berufe dienen, sondern sich mit Hilfe des Internets auch anderes Wissen angeeignet werden kann.

Natürlich sind die Empfehlungen zur Ausbildung einer autotelischen Persönlichkeit hauptsächlich auf Kinder bezogen, erwachsene Menschen können in diesem Sinne nur schwer oder nicht mehr erzogen werden . Jedoch können auch diese Personen prinzipiell durch Anwendung der autotelischen Verhaltensweisen, z. B. Umbewertung der Situation und Erkennen von Handlungsmöglichkeiten etc., schneller in den Flow geraten, sofern sie sich diese Verhaltensweisen zu eigen machen. Vielen Personen ist das autotelische Erleben zwar bekannt, nur 10 % der deutschen Bevölkerung kennen diesen Zustand nicht (Rheinberg, 2002), da Flow ein selbstreflexionsloser Zustand ist, ist er vielen Personen jedoch nicht bewusst und schon aus diesem Grund ist es schwer, seine Verhaltensweisen dahingehend zu ändern.

Im konkreten Fall des Besuchs einer Website, die nicht nach Usability-Kriterien Flow-unterstützend strukturiert wurde, kann durch diese Änderungen auf User-Seite trotzdem Flow empfunden werden.

Experten geraten schneller in Flow

Auch eine verwirrende Navigation und Bedienung einer Website kann durch das Trial-and-Error-Verfahren (Thorndike, 1911) erlernt werden, genauso wie komplizierte und in schlechtem Stil geschriebene Inhalte durch Beschäftigung mit denselben und dem Thema dieser Texte an sich, so dass das autotelische Erleben auch dann erreicht werden kann. Dies korreliert mit der Aussage, dass Experten in ihrem Bereich eher Flow empfinden können als Anfänger es tun, da sich durch Beschäftigung mit einem Thema und dessen Navigation auf einer Website Störungen abbauen lassen und die Aufmerksamkeit auf die dem User wichtigen Dinge gerichtet werden kann.

Da die Informationsvielfalt im Netz umfangreich ist – es gibt zu jedem erdenklichen Thema mehrere Internetpräsenzen – werden sich die meisten Benutzer einer Website mit schlechter Usability diesem Lernprozess nicht aussetzen und lieber eine besser strukturierte Seite aufsuchen . Andererseits kann eine Website noch so Flow-unterstützend sein, sollte diese nicht dem Interesse des Besuchers entsprechen, wird der User nicht auf ihr verweilen.

Implikationen für den Designer

Auf Designerseite kann ebenso keine Website gänzlich Flow-optimiert sein, da bestimmte Faktoren wie Geld und Thema der Site konträr zu der Optimierung stehen könnten.

Eine Website zu designen und vor allem auf einem aktuellen Stand zu halten und zu pflegen, kostet Geld. Geld, welches Firmen meistens nicht bereit sind zu bezahlen. Im schlimmsten Fall wird die Website daher mit gekauften Programmen per Baukastenprinzip erstellt, so ist Web-Usability nur noch begrenzt möglich, da jede Internetpräsenz aufgrund ihres Themas und ihres Hintergrundes individuell gestaltet werden sollte. Dies beginnt bei der Navigation und dem Implementieren von Funktionen, die ab einer gewissen Größe der Internetpräsenz durch eine Suche und eine Sitemap erweitert werden sollten, und endet bei der Erstellung von Texten mit Hilfe der Content-Usability-Prinzipien.

Das Einplanen eines geringen Budgets für solche Websites führt auch dazu, dass diese nicht aktualisiert werden, da nach Erstellung kein Mitarbeiter mehr bezahlt wird, sich um die Pflege zu kümmern. Somit veralten die Texte und sind nach den Regeln der Content-Usability nicht mehr zu gebrauchen, Flow wird verhindert. Die Vernachlässigung führt auch dazu, dass E-Mail-Anfragen zu langsam oder gar nicht beantwortet werden, die schnelle Rückmeldung – eine essentielle Bedingung für Flow im Internet – ist somit ebenfalls nicht mehr gegeben.

Eine Website wird weiterhin schon durch ihr Thema eingeschränkt, so dass nicht alle Flow-unterstützenden Usability-Regeln umgesetzt werden können. Eine wissenschaftliche Site wie die hier vorgestellte kann aufgrund ihres Themas niemals so interaktiv sein wie z. B. eine Website, die Spiele anbietet oder ein Forum, in dem man über bestimmte Themen diskutieren kann. Andererseits wären dort die Prinzipien der Content-Usability praktisch nicht einsetzbar, da die Inhalte von hunderten verschiedener User kommen.

Zielgerichtete und schwebende Aufmerksamkeit

Websites sollten auch so konzipiert sein, dass sie sowohl User mit schwebender als auch zielgerichteter Aufmerksamkeit unterstützen, was sich vor allem in der Navigation zeigt. Benutzer mit zielgerichteter Aufmerksamkeit werden durch zu viele Bedienelemente eher verwirrt als User mit schwebender Aufmerksamkeit, da diese noch nicht genau wissen, was sie genau suchen bzw. worauf ihr Interesse momentan abzielt. Sie schätzen daher die Auswahl vieler Möglichkeiten, während Erstgenannte nur schnell zu den gesuchten Informationen kommen wollen. Auch dort schränkt die Art der Website die Möglichkeiten der Strukturierung und des Designs ein. So beschäftigt sich z. B. eine wissenschaftliche Site wie die hier vorgestellte mit einem so speziellen Thema, dass User mit schwebender Aufmerksamkeit die erstelle Internetpräsenz kaum oder nur sehr kurz besuchen werden. Eine Website kann immer nur im Rahmen ihrer finanziellen und thematischen Möglichkeiten optimal Flow-unterstützend sein.

Bestimmte Usability-Kriterien sind nicht Flow-unterstützend

Auch wenn Flow ohne Usability im Internet kaum oder weniger intensiv erreicht werden kann, gibt es dennoch wenige Usability-Kriterien, die das autotelische Erleben nicht unterstützen. Als Beispiel kann die spezifische Wirkung der Farben genannt werden. So können Farben zwar ein Gefühl ausdrücken oder beim User hervorrufen, Auswirkungen auf den Flow-Zustand müssen aber angezweifelt werden, da die hervorgerufenen Gefühle beim Betrachten einer Farbe nicht Flow-relevant sind.

Ausnahmen bilden die Signalfarben wie z. B. rot, welche die Aufmerksamkeit des Benutzers auf einen bestimmten Bereich lenken können und somit bei falschem Einsatz eine Ablenkung darstellen und den Flow unterbrechen.

Ein weiteres Beispiel ist die Forderung von Instone (1997), Fehlermeldungen nicht als kryptische Codes, sondern als natürlichsprachige, vom Benutzer leicht zu verstehende Fehlermeldung anzuzeigen. Auch dieses Usability-Kriterium kann als nicht Flow-unterstützend genannt werden. Sollte ein Link o. Ä. auf einer Website nicht funktionieren und eine Fehlermeldung ausgeben, ist dieses eine Störung des Users und hat den Abbruch des Flows zur Folge. Egal ob der Benutzer die Fehlermeldung versteht oder nicht, sie stellt etwas Unerwartetes dar, so dass einige Komponenten des Flows, die Ausübung von Kontrolle über Handlung und Umwelt und der glatte, flüssige Handlungsablauf, nicht mehr gegeben sind.

Flow – ein flüchtiges Phänomen

Es muss weiterhin festgehalten werden, dass Flow, bedingt durch die vielen Bedingungen und Komponenten und die zahlreichen Arten der Störungen und deren Quellen, ein sehr flüchtiges Phänomen ist. So kann das autotelische Erleben schwer für einen längeren Zeitraum konstant aufrechterhalten werden. Denn selbst bei einer optimalen Umgebung und Website kann die Konzentration auf diesen beschränkten Abschnitt nicht dauerhaft fokussiert werden. Das Strukturieren der Website mit Hilfe der Usability-Kriterien und die Anpassung der Umgebung des Users und dessen Persönlichkeit können aber dafür sorgen, dass die Person nach der Flow-Unterbrechung wieder problemlos in diesen Zustand gelangen kann.