Gestaltgesetze der Visuellen Wahrnehmung

Gesetz der Nähe

Das Gesetz der Nähe ist wohl eines der einfachsten unter den Gestaltgesetzen. Es erscheint logisch, dass Dinge, die weit auseinander liegen, nicht zueinander gehören können und daher als getrennt und unabhängig erkannt werden. Man kann Elemente leichter als eine ganze Form interpretieren oder zusammengehörig gruppiert wahrnehmen, wenn diese dicht beieinander liegen. Vermutlich kann man dieses Gesetz deshalb zu den wichtigsten zählen, obwohl es durch andere Gestaltgesetze schnell neutralisiert werden kann, wie sich in den folgenden Abschnitten, z. B. in der Abbildung zum Gestaltgesetz der Ähnlichkeit, zeigen wird.

In der fogenden Abbildung sehen die meisten Personen fünf schmale Säulen anstatt nur Linien oder gar breite Säulen. Dieser Eindruck wird ausschließlich durch die Nähe der Linien zueinander hervorgerufen: Die Distanz zwischen den Linien, die nicht gemeinsam eine Säule bilden, ist im Verhältnis zu den Abständen zwischen den Säulen bildenden Linien deutlich höher, so dass sie von unserem visuellen System als getrennt wahrgenommen werden.

Abb. … Quelle: http://www.kommdesign.de/texte/bilder/gestalt_naehe.gif

So eine Leere ist nach dem Gesetz der Nähe keine Platzvergeudung, da unsere Wahrnehmung diese Informationen als Grenze zwischen Objekten interpretiert. Dieses findet sich z. B. auch in der Musik wieder, wo eine Leere- also Pausen – ebenfalls Bedeutungsträger sind.

Gesetz der Geschlossenheit

Das Gesetz der Geschlossenheit verweist auf die Tendenz, in geometrischen Gebilden diejenigen Strukturen als Figur wahrzunehmen, die eher geschlossen als offen wirken. Diese Geschlossenheit kann durch tatsächlich vorhandene Linienzüge, aber auch nur durch die Vorstellung von subjektiven bzw. rein kognitiv vorhandenen Konturen, so genannten Scheinkonturen, bewirkt werden.

So zeigt z. B. das Dreieck von Kanizsa auf beeindruckende Weise, wie unser visuelles System aus fehlerhaften Informationen vollständige Figuren – also Objekte – konstruiert (vgl. in der Abbildung links). Keine der subjektiv sichtbaren typischen geometrischen Grundformen ist objektiv vorhanden. Selbst wenn man gegen diese optische Täuschung ankämpft, kommen wir nicht gegen das Bestreben unseres visuellen Systems an, mit Hilfe der Gestaltgesetze Objekte zu erkennen. Die visuelle Wahrnehmung ist also – wie schon erwähnt – nicht eine bloße passive Abbildung der Realität, die durch das Licht ins Auge fällt, sondern ein aktiver Vorgang.

Das folgende Vexierbild (Abbildung, rechts ) ist nur möglich, weil das Gestaltgesetz der Geschlossenheit gebrochen wurde. Auf den ersten Blick sieht man dort aufgrund dessen Größe zunächst das Gesicht Einsteins. Nach längerem Betrachten des Gesichts fallen einem die kleineren weiblichen Figuren auf, die Einsteins Wangen und Nase formen. Die in dem Bild abgebildeten weiblichen Figuren oder auch deren Körperteile sowie Einsteins Gesicht sind nicht geschlossen gezeichnet und können daher erst nach längerem Betrachten als Objekt wahrgenommen werden, nachdem unser visuelles System die nicht vorhandenen Linien vervollständigt hat.

Nebenbei bemerkt: Es scheint so, als wenn die Kunst des Surrealismus ein bewusstes Brechen dieser Gestaltgesetze forciert.

Quelle: http://www.kfki.hu/~nyikos/3d/kanizsa.gifQuelle: http://www.langeneggers.ch/Taeuschungen/Vexier/vexier.htm

Gesetz der Ähnlichkeit/Gleichheit

Elemente mit ähnlichen Eigenschaften werden von unserem visuellen System gruppiert, also als zusammengehörig gesehen. In welchen Eigenschaften oder Parametern die Elemente ähnlich sein müssen, wird in der Literatur nicht näher bestimmt und scheint daher nicht durch das Gesetz vorgeschrieben zu sein (vgl. Gilda Jukl, 2001).

Im Umkehrschluss nimmt das visuelle System Elemente, die sich in wichtigen Merkmalen unterscheiden, als voneinander unabhängig wahr.

In dem Beispiel, das in der Abbildung unten gezeigt wird, wird ersichtlich, dass das Bestreben unserer Wahrnehmung, Elemente zu gruppieren, zunimmt, je mehr Gemeinsamkeiten zwei Objekte aufweisen, die sie von anderen Elementen abgrenzen. So werden in der kommenden Abbildung die verschiedenen Zeichen zusätzlich anhand ihrer verschiedenen Farben gruppiert.

Aufgrund seiner starken Wirkung auf die Wahrnehmung ist das Gesetz der Ähnlichkeit elementar, d. h. dass sich alle übrigen Gestaltgesetze diesem unterordnen (vgl. Metzger, 1986).

# – + + # = – = # – + + # = – =

# = – + # # – # – + + # = – =

# = – + # # – + # = – + + – –

= = + # – # + + + # = – + + – –

= = + # – # + + # = – + # # –

+ # = – + + – – = = + # – # + +

Gesetz der guten Fortsetzung

Elemente, welche sich auf einer durchgehenden Linie oder Kurve befinden, werden vom visuellen System als Einheit wahrgenommen oder als zusammengehörig aufgefasst.

Der Mensch neigt dazu, Linien an Schnittpunkten bevorzugt im Sinne einer Fortführung ihrer bisherigen Linienführung zu sehen. So sieht man in der folgeden Abbildung eher zwei gewundene Kurven auf der linken und zwei durchgehende Linien in der Mitte, anstatt V-förmige Figuren, die sich im Scheitelpunkt berühren (vgl. Gilda Jukl, 2001).

Das Gesetz der Gleichheit wirkt stärker als das Gesetz der guten Fortsetzung (vgl. Metzger, S. 166) , wie in der Abbildung rechts zu sehen ist: Man sieht eher zwei abgeknickte Linien, die sich im Scheitelpunkt berühren, als zwei Linien, die sich überschneiden.

Das Gesetz des gemeinsamen Schicksals

Elemente, die sich in die gleiche Richtung oder im gleichen Rhythmus bewegen, werden als zusammengehörige Gruppe wahrgenommen. Auf diese Weise verhindert das visuelle System, dass Elemente, die nach dem Gesetz der Ähnlichkeit und der Nähe zusammengehören müssten, gruppiert werden, wenn sie sich in andere Richtungen bewegen würden (vgl. Gilda Jukl, 2001).

Als Beispiel kann eine Horde Fußballfans genannt werden, die in den Vereinsfarben gekleidet auf einer Tribüne eines Fußballstadions steht. Jeder einzelne Fußballfan bewegt sich eigenständig und wird aufgrund des Gesetzes des gemeinsamen Schicksals von unserem visuellen System trotz der Ähnlichkeit und Nähe zueinander als eigenständiges Objekt wahrgenommen. In dem Moment, in dem die Zuschauermenge die Laola-Welle vorführt, kann unser visuelles System die einzelnen Fans nicht mehr allzu gut trennen: Man sieht die Welle als eigenständiges Objekt, nicht mehr die einzelnen Elemente, in diesem Fall die Fußballfans. Die Fußballfans bewegen sich gemeinsam in eine Richtung und haben damit ein gemeinsames Schicksal.

Das Gesetz der Symmetrie:

Symmetrisch zueinander zugeordnete Elemente werden als Einheit erfasst und sind „ungewöhnlich fest“ (Metzger, 1986, S. 168) miteinander verbunden. Metzger belegt diese Tatsache mit der Abbildung eines Wortes, das horizontal an sich selbst gespiegelt wird.

Die folgende Abbildung veranschaulicht, wie das visuelle System versucht, Symmetrien zu finden und ihnen Vorrang zu lassen. Natürlich spielt in diesem Beispiel auch das Gesetz der Nähe eine Rolle. Bei den Buchstaben W, U und N ist ebenfalls das Gesetz der Geschlossenheit von Bedeutung. (Vgl. Metzger, S. 168)

Weiter zur Hauptseite Wahrnehmung oder zum Thema Web-Usability.