Theorien der Aufmerksamkeit

Es kann immer nur ein Reiz den Kanal der Aufmerksamkeit durchlaufen kann. Also können wir unsere Aufmerksamkeit nur auf eine Tätigkeit oder Reiz richten. Trotzdem hat jeder Mensch schon mal die Beobachtung gemacht, dass manche Dinge wie von selbst und gleichzeitig ausgeführt werden. Die Erklärung dafür gibt die Automatisiertheit.

Schon in der Antike soll Aristoteles darauf hingewiesen haben, dass starke Eindrücke uns darin behindern, andere gleichzeitige Eindrücke zu bemerken (Neumann 1996). Die Tatsache, dass die Kapazität der Aufmerksamkeit und somit die Kapazitäten des menschlichen Gehirns, Informationen zu verarbeiten, begrenzt ist, war also schon seit der Antike bekannt.

Die Flaschenhalstheorie

Die Theorie vom Flaschenhals, insbesondere die Einkanaltheorie, und die Theorie vom begrenzten Kapazitätsvorrat der Aufmerksamkeit sind zwei Hauptansätze der Erklärung, wie diese Begrenzung vorstellbar ist. Diese Theorien werden folgend näher erläutert.

Die Theorie vom Flaschenhals nach Broadbent (1958) besagt, dass die Informationen das sensorische System, also die Wahrnehmung, bis zu einem gewissen Punkt durchfließen, jedoch nur eine begrenzte Anzahl von Informationen oder Entscheidungen (Bits) oder Reizen den Engpass bzw. Flaschenhals gleichzeitig passieren können. Die Theorie basiert auf dem Kanalmodell von Shannon und Weaver (1949). In ihrem Kommunikationsmodell sind ein Sender und ein Empfänger durch einen Kanal mit begrenzter Übertragungskapazität verbunden.

Welford (1967, 1980) vertritt die Theorie, dass nur ein Signal diesen Engpass zu einer Zeit passieren kann, weswegen diese „Einkanaltheorie“ genannt wird. Unterstützt wird seine Theorie durch ein Experiment in dem zwei Reize in schneller Folge hintereinander gegeben wurden. Der Proband sollte mit zwei verschiedenen Reaktionen antworten. Die Reaktion auf den zweiten Reiz folgte verhältnismäßig zu spät und wurde von der Reaktion auf den ersten Reiz gehemmt. Je kürzer der Zeitabstand zwischen dem ersten Reiz und dem zweiten Reiz war, desto länger wurde die Reaktionszeit auf den zweiten Reiz. Man folgerte, dass die Verarbeitung des zweiten Reizes erst beginnen konnte, wenn der erste Reiz den Engpass der Aufmerksamkeit verlassen hatte und die Reaktion auf den ersten Reiz ausgeführt wurde.

Die Kapazitätsvorratstheorie

Ein anderes Modell vom Fassungsvermögen der Aufmerksamkeit – die Kapazitätsvorratstheorie – geht davon aus, dass alle Verarbeitungsprozesse Ressourcen benötigen, die in einem so großen Vorrat nicht vorhanden sind. Dieses Modell steht im Widerspruch zur Einkanaltheorie, da hier postuliert wird, dass der Kapazitätsvorrat an verschiedene Empfänger (Informationskanäle) verteilt werden kann.

Moray (1967), ein Vertreter der Kapazitätsvorratstheorie, vergleicht die Informationsverarbeitungskapazität des Menschen mit der Rechenkapazität einer CPU (Central Processing Unit), eines Computerprozessors, der anscheinend mehrere Operationen parallel durchzuführen vermag und dessen Kapazität ebenfalls begrenzt ist. Würde man Morays Analogie zum Computer allerdings konsequent weiterdenken, gäbe es den Begriff „geteilte Aufmerksamkeit“ (vorher nicht eingeführt) nicht, da Prozessoren Befehle nacheinander und nicht parallel ausführen können. Der Schein der Parallelität des Ausführens von Befehlen entsteht, weil Teilprozesse verschiedener Programme in so hoher Geschwindigkeit ausgeführt werden, dass sie parallel scheinen, obwohl die Befehle doch nur hintereinander ausgeführt werden. Genau genommen führt eine CPU abwechselnd Befehle mehrerer Programme aus. Vor dem Wechsel zu einem anderen Prozess wird der Zustand des aktuellen Prozesses gespeichert, das Zwischenergebnis wird gesichert, um den Prozess später wieder aufnehmen zu können.

Es gibt weitere Erklärungen für die Begrenztheit der Kapazität. So wir angenommen, dass sich verschiedene Prozesse gegenseitig stören können, wenn sie in ihrer Funktion benachbart sind. In dieser Theorie hat jede Sinnesmodalität eine eigene Ressource.

So treten Interferenzen auf, wenn Tätigkeiten dieselben Wahrnehmungs- oder Reaktionsmechanismen in Anspruch nehmen (vgl. Kahneman, 1973, S.196). Nach dieser Theorie ist es zum Beispiel nicht möglich, mit beiden Ohren gleichzeitig jeweils zwei verschiedenen Quellen zuzuhören.

Es gibt mehrere Hinweise, dass dieser zentrale Flaschenhals innerhalb des auditiven Informationsverarbeitungsprozess so angesiedelt werden muss, dass eine präattentive Analyse des Wahrgenommenen möglich ist.

So wäre der Cocktailparty-Effekt ohne eine Analyse aller eintreffenden Umweltreize gar nicht möglich: Wenn man sich auf einer Party mit jemanden in einem Gespräch angeregt unterhält, wird der Geräuschpegel um einen herum vom Gehirn weitestgehend herausgefiltert, man nimmt die Umgebungsgeräusche nicht mehr so stark war. Wird nun plötzlich der Name eines der Gesprächsteilnehmer – bestenfalls von einer ihm bekannten Stimme – gerufen, so horcht dieser auf und richtet seine Aufmerksamkeit auf die Herkunft des Reizes. Der Reiz muss also einer physikalischen und semantischen Analyse unterzogen worden sein. Der Cocktailparty-Effekt spricht für eine präattentative Analyse der eingehenden Informationen.

Treisman (1960) konnte in einem Experiment zur auditiven Aufmerksamkeit eine präattentive semantische Analyse im menschlichen Informationsverarbeitungsprozess nachweisen. Er instruierte die Probanden, eine gehörte Nachricht auf einem bestimmten Ohr zu beschatten, also das Gesagte mündlich wiedergeben. Diese Nachricht hatte einen inhaltlichen Sinn, ging aber ab einer gewissen Zeit in einer sinnlose Wortfolge über, während die Nachricht mit dem sinnvollem Inhalt nun auf dem anderen Ohr zu hören war. Ein Teil der Probanden richtete die Aufmerksamkeit entgegen den Anweisungen auf das Ohr, auf dem die sinnvolle Nachricht zu hören war und las sie weiterhin vor, während der andere Teil wie instruiert das Ohr beschattete, auf dem jetzt die sinnlose Wortfolge zu hören war.

Wie konnte die eine Gruppe der Studenten die Aufmerksamkeit auf das Ohr wechseln, auf dem der sinnvolle Text wiedergegeben wurde, ohne das nicht beschattete Ohr einer semantischen Analyse zu unterziehen?

Das Modell der Dämpfungstheorie (Treisman, 1964) geht mit diesen Ergebnissen seines Experiments konform, da dieses besagt, dass bestimmte Informationen lediglich abgeschwächt und nicht völlig physikalisch herausgefiltert werden.

Deutsch und Deutsch (1963) erklärten diese prättentive Analyse dadurch, dass alle wahrgenommenen Informationen völlig ungedämpft verarbeitet werden und lediglich die Reaktion auf diese Informationen in ihren Kapazitäten begrenzt sei. Ihre Theorie konnte aber in keinem Experiment bestätigt werden (Anderson, 2000). Nach ihrer Theorie der späten Auswahl werden die Informationen erst nach der verbalen Analyse gefiltert, während in Treismans Dämpfungstheorie der Filter in der Wahrnehmung vor der verbalen Analyse angesiedelt wird.

Nach Meinung der Autoren dieser Arbeit ist die Theorie von Treisman aufgrund der Konformität zum Cocktailparty-Effekt die logischere und somit Ausgangsbasis für die weiteren Annahmen, da die Theorie von Deutsch & Deutsch zusätzlich nicht bestätigt werden konnte (Anderson, 2000).

Es wurde das Konstrukt der Aufmerksamkeit beleuchtet. Die Aufmerksamkeit kann immer nur auf einen Reiz hintereinander ausgerichtet werden, wie durch die Einkanaltheorie herausgestellt wurde.
Es gibt aber allerdings komplexe Handlungen wie Autofahren oder aber viele sportliche Aktivitäten, in denen Tätigkeiten gleichzeitig ablaufen oder Tätigkeiten ablaufen, während gleichzeitig auf die Umwelt geachtet wird. Dieses steht auf dem ersten Blick im Widerspruch zur Theorie, dass nur ein Reiz gleichzeitig die Instanz Aufmerksamkeit passieren kann. Auf dem zweiten Blick erkennt man aber, dass diese komplexen Handlungen erst nach langer Übung durchgeführt werden können. Durch Übung, also wiederholter Durchführung von Tätigkeiten, werden diese automatisiert. Automatisierte Tätigkeiten bedürfen keiner Aufmerksamkeit, womit der Flaschenhals der Aufmerksamkeit frei für neues, nicht automatisiertes wird.

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