Theorien des Internetflow

Eine Anpassung des Flow-Modells für CMEs wurde von verschiedenen Personen vorgenommen, leider unterschieden sich diese Theorien teilweise jedoch erheblich voneinander. Im Folgenden sollen zwei der Theorien exemplarisch ausführlicher dargestellt werden.

Modell von Hoffman und Novak

Hoffman und Novak (1996) haben die Flow-Erfahrung in Computer-mediated-Environments untersucht. Dabei erweiterten sie Csikszentmihalyis Flow-Modell und entwickelten als Modell vorgestellte Theorie:

Abbildung: Modell des Flows in einer Computer-vermittelten-Umgebung, Hoffman & Novak, 1996; adaptiert von Finneran & Zhang, 2005

Sie übernahmen die Passung von Anforderungen und Fähigkeiten und die Zentrierung der Aufmerksamkeit als Antezedentien und fügten noch zwei sekundäre Bedingungen hinzu, Interaktivität und Telepräsenz.

Telepräsenz

Steuer (1992) definiert Telepräsenz als die psychologische Prädominanz der virtuellen Erfahrung über die unmittelbare, reale. Diese Telepräsenz besagt, wie sehr man von der durch den Computer erzeugten Umgebung eingenommen wird, so dass die reale Umgebung, in der sich die Person befindet, vergessen wird. Dabei ist die Art der vom Computer erzeugten Umgebung belanglos, sei es nun ein Spiel, ein Word-Dokument oder Webseiten im Internet, die Intensität der Telepräsenz kann jedoch variieren. Um diese zu bestimmen, identifiziert Steuer Lebhaftigkeit (vividness), also die Möglichkeiten der Technologie, eine sensorisch reiche Umwelt zu erzeugen, und Interaktivität (interactivity), die Möglichkeiten des Anwenders, Formen oder Inhalte der vermittelten Umwelt zu beeinflussen, als die zwei bestimmenden Variablen.

Hoffman und Novak integrieren diese zwei Komponenten als Charakteristika in ihr Modell, die direkt Einfluss sowohl auf die Telepräsenz als auch auf die Zentrierung der Aufmerksamkeit haben. Weiterhin fügen sie das Konstrukt der Involviertheit hinzu, welches intrinsische Motivation und Selbstvertrauen umfasst und davon beeinflusst ist, ob die Aktivität zielgerichtet oder schwebend (explorativ?) ist.

Novak et al. (2000) führten später noch einige Veränderungen an ihrem Modell durch und testeten dieses empirisch. Eine der wichtigsten Änderungen ist, dass das Konstrukt der wahrgenommenen Kontrolle („perceived Control“) von einer Konsequenz zu einer Voraussetzung des Flows wurde. Weiterhin wurde das Konstrukt Anregung („arousal“) als Voraussetzung hinzugenommen und ist eine abhängige Variable der Herausforderung.

Modell von Chen

In Chens Dissertation (2000) findet dieser empirische Beweise für eine Korrelation zwischen der Flow-Erfahrung eines Web-Nutzers und den Flow-Komponenten von Mihaly Csikszentmihalyi (1990). Durch Faktorenanalyse unterteilt er die Komponenten in drei Faktoren: Flow-Antezedentien, Flow-Erfahrung und Flow-Konsequenzen . Die Flow-Antezedentien sind klare Ziele, sofortige Rückmeldungen, mögliche Kontrolle und eine Verschmelzung von Aktion und Kenntnis. Die Flow-Erfahrung umfasst Konzentration, Telepräsenz, beeinträchtigtes Zeiterleben und Selbstvergessenheit. Die Flow-Konsequenzen werden mit positiver Beeinflussung und autotelischem Erleben angegeben.

Die Verschmelzung von Aktion und Kenntnis ist die einzige Dimension, die nicht klar einem bestimmten Faktor zugeordnet werden kann. Chen platziert diesen in Antezedentien, da dort die größte Gewichtung dieses Faktors gefunden werden konnte.

Abbildung: Flow-Modell in CMEs nach Chen, 2000

Vergleich der Modelle

Wie schon diese zwei exemplarisch vorgestellten Modelle zeigen, gibt es teils gravierende Unterschiede untereinander. Manche Konstrukte sind in beiden Modellen präsent, werden von den Autoren jedoch in einen anderen Abschnitt sortiert. Die wichtigste Unterscheidung dieser zwei Modelle liegt darin, dass Chen (2000) seinen Fokus auf Antezedentien legt, die direkt Flow-beeinflussend sind (z. B. klare Ziele oder sofortige Rückmeldung), während Hoffman & Novak (1996) noch sekundäre Antezedentien (Interaktivität und Telepräsenz) in ihr Modell einbauen, die nicht direkt für den Flow-Zustand in hypermedia CMEs verantwortlich sind, diesen aber verstärken oder abschwächen können. Auch wenn Chen die Telepräsenz als Flow-Erfahrung in sein Modell eingebaut hat, so wird nach Ansicht der Autoren dieser Internetpräsenz das Modell von Novak & Hoffman der besonderen medialen Umgebung der hypermedia CMEs weitaus besser gerecht , da die Wirkungsweise von medialen Umgebungen auf Individuen deutlich komplexer ist, als das dieses mit einer erweiterten Flow-Erfahrung abgetan werden könnte. Bedingt durch die mediale Struktur des Internets und seiner Artefakte erscheint es nur logisch, dass diese auch starken Einfluss darauf haben, ob und in welcher Intensität Flow erlebt wird. Wie aus den Modellen hervorgeht, sind die Vorraussetzungen für Online-Flow ähnlich denen offline. Im Web ist Flow abhängig von einem hohen Level von Fähigkeiten und Herausforderung, von Kontrolle und Anregung, zielgerichteter Aufmerksamkeit und wird nach Hoffman und Novak (1996) durch Interaktivität und Telepräsenz gesteigert.

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