Visuelle Aufmerksamkeit

Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf Bereiche im Raum oder auf Objekte?

Aufgrund der physiologischen Voraussetzungen und Beschaffenheit des menschlichen Auges, auf welche in der Rubrik Wahrnehmung eingegangen wird, kann man darauf schließen, dass auch die Kapazitäten des menschlichen Gehirns, visuelle Informationen zu verarbeiten, stark beschränkt sein müssen. So wird nur ein kleiner Teil des Sichtfeldes scharf und detailliert abgebildet, der Teil der Umwelt, der auf dem gelben Fleck im Auge abgebildet wird. Das periphere Sichtfeld nimmt lediglich unscharfe Bilder und Bewegungen wahr. Richten wir unsere visuelle Aufmerksamkeit auf Bereiche im Raum oder auf Objekte?

Gewöhnlich fixieren wir die Bereiche oder Objekte, denen wir unsere Aufmerksamkeit schenken. Es scheint auf den ersten Blick zwar logisch, dass der Bereich unserer visuellen Aufmerksamkeit immer gleich dem scharfen Sichtfeld der Fovea ist, dieses ist aber ein Irrtum. Es ist möglich, einen Bereich visuell zu fixieren und währenddessen die visuelle Aufmerksamkeit auf einen anderen Bereich im peripheren Sichtfeld zu richten, obwohl es im Alltag eher ungewöhnlich ist und einer gewissen Konzentration bedarf.

Raumbasiert?

Posner, Nissen und Ogden (1978) haben in einem Experiment Probanden aufgefordert, einen Teil des visuellen Feldes zu fixieren und haben ihnen die gleichzeitige Aufgabe gegeben, Reize, die angekündigt durch ein Warnsignal links oder rechts des Fixationspunkts auftauchten, zu melden. Es wurden nur die Durchgänge gewertet, in denen die Probanden es schafften, den Fixationspunkt einzuhalten. Wenn ein falsches Warnsignal gegeben wurde, das beispielsweise die Aufmerksamkeit nach links richten sollte, während das Objekt doch auf der rechten Seite erschien, waren die Reaktionszeiten länger. Umgekehrt konnte die Reaktionszeit verkürzt werden, wenn das Warnsignal die Aufmerksamkeit auf die richtige Seite lenkte. Die Probanden konnten also ihre Aufmerksamkeit auf einen Bereich lenken, ohne diesen Bereich zu fixieren.

Diese Fähigkeit ist insofern wichtig, weil jeder Fixierung eines Sichtfeldbereichs ein Aufmerksamkeitswechsel auf diesen Bereich vorausgeht (Posner, 1988).

Posner ist einer der Vertreter der raumbasierten Modelle visueller Aufmerksamkeit. Man stellt sich die visuelle Aufmerksamkeit wie einen Scheinwerfer vor, der auf verschiedene Teilbereiche des Sichtfeldes gerichtet werden kann. Analog zu dieser Vorstellung kann der Lichtkegel erweitert oder begrenzt werden. Die Kapazitäten der Informationsverarbeitung werden auf einen größeren Bereich ausgedehnt, während eine Begrenzung zur Maximierung der Aufmerksamkeitsleistung auf einen kleinen Teilbereich führt (vgl. Erikson & Erikson, 1974).

Nach Posner et al. (1980) ist dieser Scheinwerfer (Spotlight) nicht teilbar. Sätze wie „Du hast meine ungeteilte Aufmerksamkeit“ wären, zumindest was die visuelle Informationsverarbeitung betrifft, Pleonasmen und somit überflüssig.

Objektorientiert?

Doch es konnte bewiesen werden, dass man sich die visuelle Aufmerksamkeit weniger als eine Art Scheinwerfer, der einen gewissen Bereich des Sichtfeldes abdeckt, vorstellen sollte, sondern vielmehr objektzentriert.

Behrmann, Zemel und Mozer (1998) zeigten in ihren Experimenten, dass es ihren Probanden leichter fiel, ihre Aufmerksamkeit auf ein Objekt anstatt auf einen Raum zu richten. Als Versuchsobjekte wählten sie, wie in der Abbildung sichtbar, Balken, die an ihren Enden Ausbuchtungen verschiedenartiger Form aufwiesen. Die Probanden sollten beurteilen, ob die Ausbuchtungen in den Abbildungen gleich oder verschieden ausgeprägt seien. Dabei stellte sich heraus, dass die Probanden die Ausbuchtungen schneller vergleichen und ein Urteil fällen konnten, wenn sich die Ausbuchtungen auf demselben Objekt befanden, selbst wenn sie dann räumlich weiter voneinander entfernt waren. Umgekehrt war es währenddessen ein Hindernis, wenn sich die Ausbuchtungen jeweils auf dem anderen Balken befanden, obwohl sie sich dort näher waren. Dieses Hindernis nahm messbar zusätzliche Zeit in Anspruch. Es schien, als ob ein Aufmerksamkeitswechsel stattfinden musste, obwohl dieser nach dem raumbasierten Aufmerksamkeitsmodell nicht nötig wäre.

Die Aufmerksamkeit musste auf das andere Objekt gerichtet werden. Dieser Aufmerksamkeitswechsel war kein Ortswechsel, sondern ein Objektwechsel, stellte eine zusätzliche kognitive Leistung in der menschlichen Informationsverarbeitung dar und kostete daher Zeit.

http://www.uni-duesseldorf.de/HHU/Jahrbuch/2002/Buchner/

 

Mit Hilfe des Experimentes von Behrmann, Zemel und Mozer (1998) konnte gezeigt werden, dass die visuelle Aufmerksamkeit objektorientiert ist. Folglich ist es für die Web-Usability wichtig, wie unser visuelles System Objekte wahrnimmt.

Mit Hilfe der Gestaltgesetze kann unser visuelles System Objekte erkennen.

Weiter zum Thema Wahrnehmung oder zum Thema Gedächtnisspanne.