Web-Usability in der Praxis – Strukturierung der Website

Hat der Benutzer ein bestimmtes Ziel, dann darf er nicht mit zuvielen Elementen und Entscheidungsalternativen davon abgehalten werden, dieses zu finden. Aber selbst wenn wenn der Nutzer kein bestimmtes Ziel hat, muss er jederzeit wissen, wo er ist, wohin er gehen kann und wo er schon war.

Der wichtigste Unterschied zwischen dem Internet und anderen textbasierten Medien ist die Interaktivität bzw. die Möglichkeit zu navigieren. Also ist die Hauptfunktion einer Website, die der Benutzer verstehen muss, die Navigation. Um dem Benutzer die Struktur oder mit den Worten Normans (1989) das konzeptuelle Modell der Website begreiflich zu machen, muss die Website es dem Benutzer ermöglichen, dass er sich folgende Fragen beantworten kann: „Wo bin ich?“, „Wo bin ich gewesen?“, Wohin kann ich gehen?“ (Nielsen, 2001, S. 188)

Die Frage „Wo bin ich?“ kann sich der Benutzer beantworten, wenn er im ersten Schritt erkennen kann, wo er sich innerhalb des gesamten Internets befindet. Ein Blick in die Adressenleiste des Browsers würde wohlmöglich ausreichen, aber trotzdem sollte der Benutzer anhand des Layouts der Website erkennen können, wo er sich befindet. Ein eindeutiges Logo oder der Name der Website müssen demnach sichtbar auf der Website angebracht sein. Meistens befindet sich dieser Bereich in der linken oberen Ecke (Nielsen, 2001).

Im zweiten Schritt muss der Benutzer erkennen können, wo er sich innerhalb der Website befindet. Für diesen Zweck muss jede einzelne Webseite eine informative Überschrift besitzen, die bestenfalls den Namen des Navigation-Links beinhaltet. Befindet man sich in einer Unterrubrik dieses Bereichs, ist dieses zusätzlich in der Überschrift zu vermerken (Nielsen, 2001).

Nachdem der Benutzer nun weiß, wo er sich befindet, muss er wissen, auf welcher Webseite er schon gewesen ist, damit er diese nicht erneut besucht. Dieses bewerkstelligt man durch die Schriftfarbe der schon besuchten Links. Der Benutzer ist daran gewöhnt, anhand der Farbe eines Links zu erkennen, ob er die damit verlinkte Webseite schon besucht hat: Links, die noch nicht angeklickt wurden, erscheinen meistens blau, schon besuchte Unterseiten dagegen lila.

Die auf einer Website vorhandenen Links sollten ein so genanntes alt-Attribut besitzen, welches die Webseite, auf die der Link führt, näher beschreibt. Ist ein solches Attribut vorhanden, braucht der Benutzer nur mit seinem Mauspfeil über den Link fahren, damit eine Box erscheint, welche die erwähnte Beschreibung beinhaltet. Auf diese Weise kann ein Benutzer schon wissen, was sich hinter dem Link für ein Inhalt verbirgt, noch bevor er ihn angeklickt hat. Der folgende Abschnitt wird klären, was der Designer einer Website noch beachten sollte, damit der Benutzer sich die Frage „Wohin kann ich gehen?“ beantworten kann.

Um zu entscheiden, welche Struktur eine Website bekommen soll, muss festgestellt werden, ob die erwarteten Benutzer ein bestimmtes und klares Ziel verfolgen oder nur allgemein an einem Thema interessiert sind und lediglich aus Spaß surfen. Ebenso sollte festgestellt werden, ob die Benutzer einer bestimmten Zielgruppe angehören.

So könnte es zum Beispiel sein, dass ein Benutzer eine Nachrichten-Website besucht, um sich allgemein über Neuigkeiten zu informieren. Dieser Benutzer verfolgt kein bestimmtes Ziel, sein Verhalten ist typisch für einen Internetsurfer, der einen eher allgemeinen Informationsbedarf hat. Seine Aufmerksamkeit wird als schwebend bezeichnet, da er seine Ziele schnell wechselt und leicht abgelenkt werden kann (Thomas Wirth 2002). Er richtet die Aufmerksamkeit auf die Dinge, die ihm gerade interessant erscheinen. Dieses Verhalten ist im Allgemeinen typisch für den unerfahrenen Benutzer (Novak, Hoffman & Yung, 1999).

Für diesen Benutzertyp ist es kein Problem, ein Webverzeichnis mit einer Hierarchie, die auf der ersten Ebene schon über 30 Links enthält, ohne Überforderung zu durchsuchen, während andere User schon bei 10 Links überfordert sind, da die Gedächtnisspanne des Kurzzeitgedächtnis überschritten ist (Miller 1956). Dieser User wird wahrscheinlich auch die Zeit finden, sich auf einer Einstiegsseite zwischen der Flash-animierten und der HTML-basierten Seite zu entscheiden, da er kein Ziel verfolgt, das er so schnell wie möglich erreichen möchte (Thomas Wirth, 2002).

Das Gegenteil der schwebenden Aufmerksamkeit nennt Thomas Wirth (2002) fokussierte Aufmerksamkeit. Ein Benutzer besitzt eine fokussierte Aufmerksamkeit, wenn er sich auf der Suche nach bestimmten Informationen befindet oder ein klares Ziel vor Augen hat. Er analysiert die Informationen des Internets tiefer, anstatt nur die Webseite oberflächlich zu überfliegen – scannen genannt. Dieses Verhalten macht ihn anfällig für Überforderungen, wenn er auf schlecht strukturierte oder mit Informationen überladene Websites trifft.

Der durchschnittliche Mensch kann nur sieben plus minus zwei Chunks im Kurzzeitgedächtnis speichern (Miller 1956), das heißt, dass die Elemente, die auf einem Dokument im Internet abgebildet sind auch nicht diese Zahl überschreiten sollte. Ein Benutzer mit fokussierter Aufmerksamkeit würde z. B. in einem Webverzeichnis wie dem ODP (Open Directory Project, http://www.dmoz.org) aufgrund der hohen Anzahl der dort vorhandenen Objekte und Links den Überblick verlieren. So wäre es ihm kaum mehr möglich, sein eigentliches Ziel weiterhin zu verfol gen, da die Wahrscheinlichkeit für Fehlentscheidungen und Ablenkungen höher ist, je mehr Alternativen angeboten werden. Erfahrene Benutzer können aufgrund von erworbenen Erfahrungen, unabhängig ob durch Intuition oder Automatisiertheit, einige Entscheidungsalternativen ausschließen, die auf diese Weise keine Aufmerksamkeit mehr verlangen.

Doch selbst erfahrene Benutzer können gestört und frustriert werden, wenn sie durch zu viele Schritte von ihrem Ziel getrennt werden. Abhilfe schafft die Implementierung einer Suchfunktion. S ofern diese nicht zu viele aber dafür qualitative Ergebnisse liefert, ist sie der schnellste Weg zum Ziel und bei großen Websites ein Ausweg aus einer sich anbahnenden Frustration. Suchmaschinen, die dem Nutzer eine Vielzahl von meistens auch noch wenig relevanten Ergebnissen liefern, können hingegen wiederum das Gegenteil bewirken und die Überforderung und Frustration des Nutzers stützen.

Das Betreten einer Webseite kann also wie folgt vonstatten gehen:

•  Der Benutzer verschafft sich einen Überblick über die vorhandenen Elemente, um sich dann eines hieraus zur näheren Betrachtung auszusuchen. Ist die Maximalzahl von allerhöchstens sieben plus minus zwei Entscheidungsalternativen auf dieser Stufe überschritten (vgl. Kapitel … chunks) , kommt es zur ersten Überforderung.

•  Das gewählte Element wird untersucht, meistens handelt es sich um das Navigationsmenü. Der Benutzer findet eventuell vorhandene Teilelemente dieses Elements. Ab jetzt verfährt er wie im ersten Punkt.

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